Backstage mit Elsa Artmann

In A Change is as Good as a Rest sowie in vorausgegangenen Arbeiten setzt ihr euch auf der Bühne mit dem Thema Arbeit auseinander. Was wünschst du dir, dass die Besucher*innen aus dieser Auseinandersetzung mitnehmen?

A Change is as Good as a Rest beschließt für uns eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Arbeitsverhältnissen im Kulturkapitalismus, die 2022 mit A Voice of a Generation begann. Darin haben wir uns anhand unserer eigenen Tanztechnik mit unseren Verkörperungen neoliberaler Konzepte auseinandergesetzt und damit, wie wir sie möglicherweise wieder ausspucken können. Dafür haben wir mögliche Abschiede von Dingen geübt, deren Abgründe wir kennen und die uns gleichzeitig belohnen; so zum Beispiel eine Lust an der eigenen Fitness. Dafür haben wir Workout-Songs in Requiems oder Abgesänge übergehen lassen.

Service und Gefühl war dann ein Stück, in dem wir uns mit Gefühlsarbeit als Dienstleistung beschäftigt haben, und zwar in einem Spektrum zwischen Hyperidentifikation und Entfremdung, einerseits in Berufen im Feld der Performing Arts und andererseits im Feld von Care-Berufen.

In Langes Wochenende ging es um die Romantisierung von Arbeit und der darin stattfindenden Beziehungen, gerade in prekärer Arbeit. Es ging uns darum, romantische Versprechungen aufzudecken, die die Arbeit womöglich gar nicht einlöst.

A Change is as Good as a Rest ist für uns ein letztes Kapitel dieser Auseinandersetzung, in der Form, dass wir uns auch rückblickend fragen: Von dem, was wir als Arbeitskultur innerhalb der letzten Jahre gepflegt haben, womit möchten wir weitermachen? Und womit hören wir auf?

Wenn ich an ein Publikum und dessen Erlebnis mit dem Stück denke, ist mein Wunsch, dass bestimmte Formen der Unterbrechung, die zunächst gar nicht so vorstellbar sind, fühlbarer oder erfahrbarer werden und dass andere, die vorgeben, eine Pause zu sein, ihren Zauber verlieren. Dass das Stück dazu einlädt, Exit-Szenarien durchzudenken oder womöglich sogar durchzuführen, die vielleicht tabuisiert oder nur schwer vorstellbar sind.

Lena Brüggemann, eine Leipziger Künstlerin und Kuratorin, hat einmal über unsere Arbeiten gesagt, sie seien Übungen für andere Verhältnisse. Was ich mir für die Besucher*innen wünsche, ist das Durchspielen oder Fühlen der Möglichkeit, sich anders zu den Verhältnissen verhalten zu können, oder dass die Verhältnisse anders sein könnten.

Bei einem Showing des Stücks gab es die Rückmeldung, dass es sich angefühlt hat wie eine Einladung zum Fallen. Also, dass man uns einerseits dabei zuschaut, wie wir crashen, und sich andererseits auch selbst dazu eingeladen fühlt, diesen Crash mitzuerleben oder selbst zu crashen. Ich fand es sehr schön, dass das eine Erfahrung war, die gemacht wurde.

Der Titel eures Stücks A Change is as Good as a Rest spielt mit der Idee, dass Veränderung eine Form der Erholung sein kann. Ist eine Pause ersetzbar?

Ich glaube, dass A Change is as Good as a Rest eine verführerische und für einige Zeit wirksame Durchhalteparole ist, die auch in meinem Leben oft als wahr erscheint.

Wenn ich beispielsweise unter der Woche einen Job und am Wochenende einen anderen Job mache, habe ich das Gefühl, mich am Wochenende von dem Job, den ich unter der Woche mache, zu erholen.

Eine ähnliche Idee ist es, Regeneration durch Stimulation zu ersetzen oder Regeneration selbst produktiv zu machen.

Im Kollektiv SANFTE ARBEIT spielen wir gerade mit der Idee, dass wir A Change is as Good as a Rest als regeneratives Stück konzipieren, weil wir uns gerade alle dringend erholen müssen. Ich glaube nicht, dass es eine in diesem Sinne regenerative Produktion geben kann, aber ich helfe mir trotzdem mit dem Gedanken. Und so verstehe ich auch den Titel A Change is as Good as a Rest nicht im Sinne von: Stimmt der Satz oder stimmt der nicht? Sondern im Sinne von, kann ich diesen Satz für mich wirksam machen, kann ich ihn erfolgreich vor mir selbst behaupten und mit welchen Folgen? Ich glaube nicht, dass eine Pause ersetzbar ist. Aber ich bin extrem schlecht darin, eine Pause zu machen. Das ist etwas, das man wirklich üben muss. Aber, kann ich das üben während ich arbeite? Ich glaube da schließt sich schon der Kreis mit dem Titel des Stücks.

Eure Arbeiten zeichnen sich durch ein dichtes Zusammenspiel von Text, Sound und Bewegung aus.
Was ist dir in dieser künstlerischen Praxis besonders wichtig?

Für mich hat Tanz sehr viel mit Sprache zu tun. Schon im Training geht es darum, dass du als Tänzerin eine visuelle, taktile oder verbale Information bekommst und dann machst du sie zu deinem Tanz. Auf diese Weise nehmen wir im Tanzen viel Sprache körperlich auf. Die Verschränkung von Sprache oder Text und Körper entspricht meiner Art zu denken. Und sie entspricht auch der in unserem Ensemble gewachsenen Kultur von Probe. Aktuell machen wir beispielsweise häufig eine Übung, die heißt „A dance that is just right for this moment in my life“. Während der Übung passiert es, dass wir anhalten und weitersprechen anstatt zu tanzen, weil Sprache gerade einfach das bessere Mittel ist für diesen Tanz. Oder es kommt zu einer Situation, in der sich Sprechen und Tanzen begleiten.

Ich schätze an der Zusammenarbeit mit der Musikerin Annie Bloch, dass wir zu ähnlichen inhaltlichen Fragen in unterschiedlichen Medien zusammenarbeiten. Deswegen ist der Sound für mich nicht unbedingt eine Vertonung von dem, was auf der Bewegungsebene passiert, sondern Sound reflektiert in einem anderen Medium ähnliche inhaltliche Anliegen. Und gleichzeitig mag ich, dass das Arbeiten mit Livemusik ein starkes Reagieren aufeinander möglich macht.

Ich mag an den Verflechtungen von gesprochenem Text, Gesang und Sound die Möglichkeit einer Akkumulation. Damit meine ich, dass etwas zunächst trocken, sachlich oder reduziert präsentiert werden kann, sich dann aber immer weiter aufschichtet. Es gibt in unseren Stücken öfter Momente, in denen dann alles ineinander fällt. Zunächst laufen die Ebenen eher parallel oder eine Ebene ist viel subtiler als die andere wahrnehmbar. Und dann gibt es Momente in denen, in einem Musical würde ich sagen, „they break out in song”. Und damit kommt es zu einer Art Verschlingung oder Verdichtung oder auch Feierlichkeit, etwas Spielerisches und Lustvolles. In Langes Wochenende, nutzen wir den Song I Turn to You von Mel C, den wir erstmal einfach feiern und viel zitieren. Und es gibt in dem Stück eine Choreografie auf diesen Song, der live von uns gesungen und dann mehrfach unterbrochen wird, um Fußnoten einzufügen. Über die Fußnoten haben wir diesen Lovesong auf unser Liebesverhältnis zur Arbeit übertragen, um zu sagen: Was meinen wir hier damit? Oder: Wie müsste das eigentlich lauten? Oder: Stimmt das? Stimmt das nicht? Wir haben in der Szene also zum Einen diese Inbrunst und diese Melodramatik und wir haben die Fußnoten, die das alles überprüfen und ins Verhältnis stellen.

In euren Stücken begegnet das Publikum auf der Bühne unterschiedlichen Figuren oder Charakteren. Wie werden die entwickelt, geformt und lebendig?

Einige dieser Figuren begleiten uns bereits über mehrere Stücke. Freelance Lover ist so eine Figur zum Beispiel, die sowohl in Service und Gefühl als auch in Langes Wochenende gewohnt hat. In Service und Gefühl haben wir damit begonnen, Archetypen von Kulturarbeit zu entwerfen. Da gab es die Artists, die Experts, Freelance Lover und Smooth Operator.

Auf der Bühne haben wir diese Figuren dann verkörpert und uns auch persönlich mit ihnen identifiziert, aber gleichzeitig kehren diese Kunstfiguren jeweils eine bestimmte Logik hervor, die komplex ist und Abgründe haben kann, die also nicht eindeutig ist und mit der wir nicht übereinstimmen müssen.

Freelance Lover ist so eine Figur, die sich vor allen Dingen über ihre Verhältnisse zu anderen herstellt. Freelancing bedeutet ja, für mehr als eine*n Auftraggeber*in zu arbeiten. Das heißt, Freelancer Lover ist eine Figur, die mit vielen Menschen verknüpft ist, ganz viel Verbindlichkeit und auch romantische Hingabe suggeriert und gleichzeitig auch immer sagt: „I won't need you too much.” In Langes Wochenende gibt es zum Beispiel den Satz, „If I ever give you the feeling that I need you, It's really only to give you the feeling that I need you.” Der Satz zeigt, das diese Hingabe immer eher eine Dienstleistung ist, und Freelance Lover von sich suggeriert, eigentlich total selbstständig zu sein. In diesem Spannungsfeld von Beziehungen Herstellen und sich gleichzeitig von niemandem abhängig Machen, führt Freelance Lover eine unmögliche, und Fitness und Angst induzierende Existenz. In Langes Wochenende geht Freelance Lover in Tired Slut über. Es gibt am Anfang des Stücks Freelance Lover und am Ende gibt es Tired Slut. Das sind einerseits unterschiedliche Figuren, über die wir auch oft in der dritten Person sprechen. Diesen Figuren passiert dann etwas. Oft ist das, was denen passiert, eine Ansammlung aus unterschiedlichen Biografien, aber auch aus Momenten, die wir aus unserem eigenen Erfahren heraus für in irgendeiner Form generalisierbar halten. Die aber oft auch so peinlich spezifisch sein können, also vielleicht spezifischer, als wir in der Ichhaltung irgendwas erzählen würden in dem Moment. Zum Beispiel Freelance Lover, Tired Slut: Das ist für mich die gleiche Figur in der Fortschreibung der Zeit. Also Tired Slut ist ein bisschen sanfter, ein bisschen müder, immer noch performend. In A Change is as Good as a Rest taucht dann Rock Bottom auf. Das ist für mich eine weitere Fortschreibung von Tired Slut.

In Langes Wochenende sagt Tired Slut noch, „Tired Slut kann tatsächlich alles haben. Dass sie bei allem müde sein wird, ist ein Preis, den sie für die Fülle ihrer Erfahrungen zu zahlen bereit ist.” Und in A Change is as Good as a Rest gibt es gleich mal zwei Enthüllungen über diese zwei Kunstfiguren. Die erste ist: Freelance Lover hat sich verkalkuliert: „Freelance Lover actually really needs you, needs all of you. Freelance Lover makes a list of what friend is available for calls at what time.” Also Freelance Lover holt jetzt alle Freundschaftsdienste ein, die Freelance Lover finden kann. Und ich würde sagen, auch Tired Slut hat sich verkalkuliert und ist unvorhergesehener Weise nicht mehr sanft und müde, sondern hart und wirklich down. Kann sich nicht mehr durchsoften durch alles, sondern ist in eine innere Verkrampfung geraten, die sie selber zu diesem Bremsklotz oder zu dieser Bremsvorrichtung macht, von der wir in A Change is as Good as a Rest fantasieren. Was bräuchte es denn, um hier mal anzuhalten, Stopp zu machen?

Ich würde unser Schreiben als eine Form von alltagsdokumentarischem Schreiben bezeichnen. Es ist oft ein taskbasiertes, kollaboratives Schreiben. In Langes Wochenende gibt es zum Beispiel Listen von Versprechungen von uns an die Arbeit, von der Arbeit an uns und von uns, an unsere Kolleg*innen, die wir in einer bestimmten Form verfasst und dann angesammelt haben. Oder es gibt eine sehr lange Liste von zurückgerufenem Konsens. Ein Rant, in dem ich von uns allen gesammelte Dinge, die wir doch nicht so gerne mögen, preisgebe.

Eure künstlerische Arbeit erfolgt im Kollektiv. Viele Arbeitskontexte außerhalb der Kunst sind entweder stark hierarchisch oder individualisiert strukturiert. Was bedeutet kollektive Arbeit für dich?

Ich würde auf jeden Fall sagen, dass wir kollaborativ arbeiten und, dass es Elemente von kollektiver Arbeit gibt. Es gibt gleichzeitig auch bei uns eine Hierarchie, in der ich die Künstlerische Leitung bin. Das liegt vor allem an dem Freelancing Kontext, in dem wir uns befinden und in dem jede*r von uns auch andere Sachen macht. Damit geht auch eine Teilung der Arbeit einher, in der zum Beispiel die das Projekt vorbereitende, konzeptionierende Arbeit stärker auf meiner Seite liegt. Ein großer Unterschied zwischen unserer Projektarbeit und anderer Projektarbeit, die ich so kenne, liegt darin, dass wir viel stärker und viel kontinuierlicher inhaltliche Themen miteinander weiterdenken. Das ist deswegen möglich, weil unsere Arbeiten so stark aufeinander aufbauen. Virtuell, schreibend oder in kleineren Formaten kommen wir regelmäßig zusammen und können damit Brüche überbrücken, die sich ergeben, wenn wir in einem Jahr sechs Wochen zusammen proben und ein paar Shows haben. Jede Person arbeitet noch an eigenen Projekten. Aber ich habe das Gefühl, dass alle, gerade im Kernteam, schon sehr viel eigenes Interesse, Sprache und Praxis einbringen, also sehr großzügig sind mit ihrer eigenen künstlerischen Person innerhalb unserer Zusammenarbeit. Und dass wir, das empfinde ich immer stärker so, eine künstlerische Praxis zusammen entwickelt haben, die uns auch zusammen gehört. Jede*r einzelne kann die adaptieren und mitnehmen in eigene Arbeiten. Es gibt in unserer Konstellation eine große Ebene von freund*innenschaftlicher Verbundenheit. Das Ensemble ist auch in irgendeiner Form ein soziales Nahfeld.

In euren Stücken fällt eine große Zartheit und Fürsorglichkeit im Umgang miteinander und mit dem Publikum auf. Welche Rolle spielen diese Qualitäten in eurer Arbeit?

Zartheit und Fürsorglichkeit waren in unseren letzten Arbeiten, besonders in Langes Wochenende und A ______ __ __ Good __ _ Rest, sehr präsent, allerdings auf unterschiedliche Weise. In Langes Wochenende haben wir uns mit der Romantisierung von Arbeit beschäftigt, unter anderem inspiriert von Sarah Jaffes Work Won’t Love You Back. Dort wird beschrieben, wie bestimmten Arbeitsformen spezifische „Liebesmodelle“ zugeschrieben werden: der künstlerischen Arbeit etwa die romantische Liebe, Care-Arbeit eher eine fürsorgliche, fast elterliche Form. Beide sind mit Formen von Aufopferung und Vereinzelung verbunden. Uns hat interessiert, was passiert, wenn man solche romantischen Versprechen auf Arbeitsverhältnisse überträgt.

Der Fokus auf Konsens kommt auch aus anderen Praxen, etwa aus der Arbeit im Queer-Lapdance-Collective (von dem ich Teil bin), wo das Aushandeln von Einverständnis selbstverständlich ist. In sexualisierten Kontexten ist oft offensichtlicher, warum das notwendig ist; wir haben diese Praxis in den Proben- und Trainingskontext übertragen. Gleichzeitig merken wir, dass diese Form von Zartheit oder Fürsorglichkeit nicht nur positiv aufgenommen wird, sie kann auch irritieren. Diese Irritation hat vielleicht mit dem Kontrast zu den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, in denen wir uns bewegen. Wir erleben unseren Arbeitsraum als privilegiert, weil dort konsensbasierte Praktiken möglich sind, die im Alltag oft fehlen. Man kann das einerseits kritisch sehen, als einen Raum, der sich nach außen hin abschottet, um so funktionieren zu können. Andererseits verstehen wir ihn auch als eine Art Proberaum: ein Versuch, erfahrbar zu machen, wie ein anderer Umgang miteinander aussehen könnte. Das ist eine fragile Praxis voller Widersprüche.

Fürsorglichkeit ist für uns aber nicht nur ein ästhetisches Mittel, sondern eine Grundlage unserer Arbeit. Ohne gegenseitige Unterstützung wäre sie für uns kaum möglich, davon erzählt A Change is as Good as a Rest sehr explizit. Gleichzeitig versuchen wir, uns immer wieder zu erlauben, mit allem da zu sein, was diese Abhängigkeit bedeutet. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass wir uns nicht als Modell für eine „perfect caring“ Praxis verstehen, we try and we fail.

Wie sind eure aktuellen Arbeitsbedingungen im Kollektiv Elsa Artmann / SANFTE ARBEIT?

Unsere Arbeitsbedingungen haben lange stark geschwankt, und wir befinden uns noch immer in einem Prozess der Anpassung daran. Langes Wochenende haben wir mit nur zwei Förderzusagen produziert. Finanziell war das für uns also alles andere als ein Gewinn. Zeitweise habe ich sehr bewusst entschieden, das Stück als eine Art Geschenk zu verstehen: an die Szene und an uns selbst, auch um der prekären Produktionssituation etwas entgegenzusetzen oder sie umzudeuten.

Ich hatte das Privileg, parallel als Tänzerin arbeiten zu können und mich so gewissermaßen querzufinanzieren. Gleichzeitig folgte auf diese Phase eine Reihe von Entwicklungen in kurzer Zeit: Wir haben einen Preis gewonnen, wurden zur Tanzplattform eingeladen und ich habe eine Konzeptionsförderung erhalten. Das geschah kurz nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch, bei dem für mich zeitweise infrage stand, ob und wie ich überhaupt weiterarbeiten kann.

Im Moment sind wir, während viele andere Gruppen mit großen finanziellen Schwierigkeiten kämpfen, vergleichsweise abgesichert und erhalten erstmals eine dreijährige Förderung. Das ist neu für uns, da wir seit 2018 ausschließlich projektbasiert gearbeitet haben. Daraus ergibt sich nun die Notwendigkeit, strukturelle Antworten zu finden: etwa darauf, wie wir mit der gestiegenen Aufmerksamkeit nach der Tanzplattform umgehen können.

Bisher ist unsere Arbeitsstruktur außerhalb der Proben noch wenig gefestigt. Es gibt Unterstützung, etwa mit einer Produktionsassistenz, aber insgesamt müssen wir erst Wege finden, diese Strukturen so auszubauen, dass sie langfristig tragfähig sind. Ich bin sehr dankbar für die aktuelle Sichtbarkeit und Anerkennung, und zugleich spüre ich, dass wir dafür organisatorisch noch nicht vollständig ausgestattet sind.

Gleichzeitig ist mir bewusst, wie fragil diese Situation ist. Förderungen können wegfallen, Bedingungen sich schnell verändern. Dieses Wissen hält mich davon ab, die aktuelle Lage als selbstverständlich zu betrachten oder zu stark darauf zu bauen. Vieles ist gerade im Werden, und wir versuchen, Schritt für Schritt herauszufinden, wie wir damit umgehen können.
 

Elsa Artmann ist Tänzer*in, Choreograf*in und künstlerische Leitung des Ensembles SANFTE ARBEIT. In den eigenen Tanzstücken und Publikationen beschäftigt sich Elsa Artmann mit Themen und Formaten des Zusammenlebens. Darüber hinaus arbeitet Artmann freischaffend als Tänzer*in für verschiedene Choreograf*innen und Ensembles und unterrichtet Zeichnung sowie Bewegung.
Elsa Artmann studierte Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sowie Tanz am Zentrum für Zeitgenössischen Tanz Köln. Bewegung und Sprache stehen für Artmann in einem engen Wechselverhältnis. In beiden sucht Elsa Artmann nach Möglichkeiten, ausgehend von Alltagserfahrungen zeitspezifische Aspekte sichtbar zu machen und zugleich „Übungen für andere Verhältnisse“ (Zitat: Lena Brüggemann) vorzuschlagen.

Das Ensemble Elsa Artmann / SANFTE ARBEIT konzipiert ausgehend von Tanz interdisziplinäre Formate, die neben Choreografie auch Hörspiel und Buchpublikation einschließen und sich in letzter Zeit in Richtung zeitgenössisches Musical entwickeln.
In Bewegung, Text und Stimme werden Themen betrachtet, gegenüber denen wir uns zunächst ohnmächtig fühlen – wie die Kleinfamilie, Wohnen, Nationalismus, Arbeit. Seit 2022 setzen sich Elsa Artmann / SANFTE ARBEIT neben Bühnenstücken in verschiedenen Formaten (Hörspiel, Kurzfilm und einer digitalen Plattform zum kollaborativen Schreiben) mit (Gefühls-, Sorge- und Beziehungs-)Arbeit im Kulturkapitalismus auseinander.
Sie verstehen ihre Praxis dokumentarisch in einer Zusammenschau von Alltagserfahrung und (medial) bezeugtem Zeitgeschehen. Das Ensemble arbeitet in den Übergängen zwischen Sprache, Sound und Bewegung. Von unterschiedlichen Sinnes- und Wahrnehmungsebenen beschäftigen sie sich mit der Zugänglichkeit der eigenen Arbeit. 
Neben der Produktionsarbeit leitet die Gruppe das Labor Arbeit und Liebe, in dem sich im zweiwöchigen Rhythmus Künstler*innen und Menschen in Care-Berufen in einer gemeinsamen Schreib- und Bewegungspraxis begegnen.

Das Interview führte Philipp Schaus, Dramaturg am tanzhaus nrw.

Zwei Personen befinden sich gemeinsam auf einem weißen Bühnenboden. Eine der Personen liegt auf dem Rücken, während die andere neben ihr kniet und ihre Hand auf den Brustkorb der liegenden Person legt. Die liegende Person hält ihren Arm in Richtung der Hand auf ihrem Oberkörper.

A Change is as Good as a Rest

Do 30.04. + Fr 01.05. 20:00