Brig Huezo
PERREANDO/HARDCORE ist inspiriert vom Online-Genre Traumacore: Unschuld trifft dort auf Dunkelheit, bonbonklebrige Niedlichkeit erzeugt Unbehagen. Trauma wird nicht gebeichtet, sondern erzeugt ganz eigene ästhetische Strukturen, eine instabile Realität der traumartigen Bilder und heimgesuchten Orte. PERREANDO/HARDCORE eignet sich den Horror an. Trauma wird hier nicht durch Heilung aufgelöst, sondern als Flackern und Fragmentierung erfahrbar gemacht. Dabei bedient sich das Stück an Schauerromanen genauso wie an Gaming-Kultur. Die Bühne wird über drei Projektionen in den digitalen Raum erweitert, durch Echtzeit-Tracking sind die Körper der Tänzer*innen mit den Kreaturen verbunden, die im virtuellen Raum ihr Dasein fristen.
Jede Bewegung erzeugt ein digitales Echo, zwischen Zärtlichkeit und Monstrosität. Die Hüften sind zentraler Schauplatz dieser Spannungen: versteckt, fetischisiert, bestraft, gefeiert. Ihr Grinding dient weniger der Unterhaltung als dem Widerstand – der Rhythmus des Überlebens, ein Archiv von Erlebnissen, die tief im muskulären Gedächtnis verankert sind.
Musikalisch kombiniert das Stück atmosphärischen Shoegaze mit der Energie des Reggaeton. So entsteht eine Klanglandschaft, die sowohl atmosphärisch entrückt als auch körperlich unmittelbar wirkt. Zwischen Gothic Horror und lateinamerikanischem Futurismus, digitalem Verfall und menschlichem Schweiß beschwört PERREANDO/HARDCORE einen melancholischen Nu-Metal-Exzess herauf, in dem Schmerz nicht verschwindet, sondern darauf besteht, gesehen, gefühlt und getanzt zu werden.
Dauer: 90 Min.
Inhaltswarnungen: Blinkende Lichter, Kunstblut, starke sensorische Reize (visuell).
Altersempfehlung: 12+
| Datum | Rahmenprogramm |
|---|---|
| Sa 29.11. 19:00 | Physical Introduction mit Sophie Czarnetzki |
| Sa 29.11. im Anschluss | Talk in englischer Sprache |
Artist Statement
Während meiner gesamten Schulzeit war der Oktober der Monat, den ich mit der größten Aufregung erwartete. In der Grundschule freute ich mich auf den Kindertag, aber bald wurde Halloween mein liebster Tag im Jahr. Der Tag, an dem die Lehrer*innen die Schule verbarrikadierten, um das Licht fernzuhalten. Sie schlossen alle Türen und Fenster und klebten schwarze Pappe vor die Fenster, um auch den letzten Sonnenstrahl abzuhalten. Wir halfen ihnen dabei, sogar schwarze Müllsäcke hangen wir vor die Fenster. Bis zum Mittag war das Gebäude hermetisch abgeriegelt. Die Luft wurde stickig und, bald darauf, feucht von unserem Schweiß. Die Stufenleiterin legte eine CD in die Stereoanlage, auf der normalerweise Hörverständnisübungen liefen. Jetzt hämmerten Reggaeton-Beats aus den Lautsprechern. Es war das Jahr, in dem ich dreizehn wurde. Ich war bereits auf zwei dieser Partys gewesen. Es hätten drei sein sollen, aber im Jahr zuvor war ich krank. Im Bett liegend, mit einer Plastikschüssel neben mir, hatte ich mir die abgedunkelte Schule vorgestellt und die Schatten, die sich darin bewegten. Ein Gebäude aus einer Parallelwelt. In diesem Jahr wollte ich den verpassten Schultanz nachholen. Es war eine Zeit, in der ich mich mit schmerzhafter Geschwindigkeit veränderte; Körperteile wuchsen wie Tumore und ich begriff zu viel, zu schnell. Mir war überdeutlich bewusst, dass ich sterben würde, und jetzt damit beginnen musste, Erfahrungen zu sammeln, die, so hoffte ich, sich eines Tages zu einer gewissen Weisheit summieren würden. Es war mir egal, ob diese Erfahrungen angenehm waren. Und zunächst war es dieser Tanz nicht: Ein dunkler Saal voll Teenager und Lehrender, die sich verlegen an die Wände drückten. Die laute Musik füllte den leeren Raum nicht aus. Ich konnte die Gesichter der anderen Schüler nicht sehen, und für einen Moment machten mir diese Gestalten, die im Dunkeln lauerten, Angst. Das Mädchen, das direkt neben mir stand, starrte auf die Wand gegenüber von uns und atmete schnell. Ich fragte mich, ob sie etwas sah, das mir verborgen blieb. Dann wagte sich das erste Paar zum Tanz. Wie jedes Jahr waren sie Gegenstand unserer kollektiven Beurteilung und unseres Gelächters, aber schon bald füllten mehr Schüler die Tanzfläche. Die Lehrerinnen blieben unter sich, wir wussten, dass sie über die Sittlichkeit der spezifischen Bewegungen ihrer Schülerinnen und Schüler diskutierten. Die meiste Autorität im ganzen Raum hatten die Mädchen, die ihre Hüften gut bewegen konnten. Ihre Ärsche an den Schritten der Jungen auf und ab reibend demonstrierten sie ihre Macht. Diese Mädchen schienen sich wohlzufühlen mit ihrer Sexualität, eine Sexualität, die üppige Kurven, lange Haare und Nägel und ein streng auf sportliche junge Männer beschränktes Verlangen vorsah. Obwohl mir alles davon fremd war, faszinierte mich die skandalöse Sinnlichkeit des Perreo. Ich hatte das vage Gefühl, dass ich nur meine ganz eigene Art finden müsste, ihn zu tanzen. Nachdem ich mich hastig von einem Jungen entfernt hatte, der sich mir näherte, war ich eine der wenigen Schüler, die alleine tanzten. Ich fühlte mich unwohl, denn ich hatte erwartet, mehr Schüler zu sehen, die ich kannte. Jemand hatte eine Flasche Rotwein eingeschmuggelt, immer wenn ich nah genug an anderen war, um ihre Gesichter zu sehen, leuchteten ihre Lippen rot. In der Luft muss der Geruch von Pubertät gehangen haben, von all den Empfindungen, die in diesem Alter überwältigend sind. Aber alles, was ich in dieser Nacht wahrnahm, war ein metallischer Geruch, der mich vermuten ließ, dass einige Schülerinnen ihre Periode hatten. Immer wieder wurde meine Aufmerksamkeit von einem der tanzenden Paare angezogen. Ein Mädchen, das ich noch nie gesehen hatte, rieb sich an einem der Jungen aus meiner Parallelklasse. Ihre Bewegungen waren schnell, wirkten auf mich aber seltsam still. Normalerweise würden sich Paare, die so tanzen wollten, in eine dunklere Ecke zurückziehen, aber sie und der Junge taten es direkt auf der Tanzfläche. Er sah nervös, aber stolz aus, ihr Gesicht war ausdruckslos, Augen wie zwei dunkle Tunnel. Sie war jung, vielleicht jünger als ich. Mir wurde klar, dass ich Teil eines ungleichmäßigen Kreises war, der sich um die beiden gebildet hatte. Meine Hüften bewegten sich anders als zuvor, es fühlte sich an, als wäre mein ganzer Körper ein Kompass und sie der Norden. Dann presste sie ihren ganzen Rücken gegen ihn, das Becken weiter kreisend, und neigte ihren Kopf zu seinem Hals. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich sie anstarrte, und ich riss meinen Blick los, hin zu den anderen. Ich wusste, dass ich auf andere Kinder seltsam wirkte, dass mich das zu einem leichten Ziel machte, deshalb war ich daran gewöhnt, angestarrt zu werden. Jetzt wurden ihre Blicke zum ersten Mal unerträglich. Sie alle hatten ihre Gesichter zu mir gewandt, blass und ohne zu sprechen. Eine heiße Welle der Scham überkam mich. Ich drehte mich um und rannte zum nächsten Ausgang, aber die Türen waren verschlossen. Also bog ich nach links zu den Toiletten ab, vorbei an tanzenden Schülern, aber irgendetwas stimmte nicht. Es war mir in diesem Moment nicht bewusst, aber rückblickend glaube ich, kein einziges Lächeln gesehen zu haben. Sie schienen alle zu schlafwandeln. Jemand mit einer kalten Hand versuchte, meinen Arm zu packen, ich zog ihn weg und schauderte. Nur eine der Toilettenkabinen, die, in der ich mich manchmal in der Mittagspause versteckte, hatte ein Fenster. Ich rannte direkt in die Kabine, schloss die Tür hinter mir ab und sprang auf den Toilettensitz. Als ich das Fenster öffnete, hörte ich Kratzen und Zischen außerhalb der Kabine. Ich zog mich an der Fensterbank hoch, mein Herz schlug so schnell, dass ich kaum atmen konnte. Auf dem Weg nach draußen kratzte ich mir Arme und Beine auf, lange, blutige Streifen mit kleinen Hautfetzen, die ich erst bemerkte, als das Adrenalin nachließ. Im darauffolgenden Januar hatte ich meine überstürzte Flucht schon fast vergessen. Im Juli begann ich mich wieder auf den Tanz zu freuen. Im Oktober zitterte ich vor Aufregung, denn über Monate hinweg hatte ich einen geheimen Wunsch genährt: Auch ich wollte mit diesem Mädchen tanzen.
Künstlerische Leitung, Konzept, postdigitale Choreografie, 3D, Motion Capture und Tanzkünstler*in: Brig Huezo; Tanz und Performance: Darya Myasnikova, Elin Tezel, YeoJin Kim; Spielprogrammierung und -entwicklung: Warja Rybakova; Kreative Technologie und Spielentwicklung: Lisa Kaschubat; Dramaturgie und Text: Mia Hofner; 3D-Kostümdesign: Kerima Elfaza; Bühnenbeleuchtung: Chiara Tess Krogull; Sounddesign: Makita – Maria Makarena Fuentes; Bühnenassistenz: Xrista Panayotova; Lichtprobe: Sascha Görg; Foto und Video: Nathan Ishar – studio pramudiya; Assistenz für digitale Produktion: GPT-5.
Eine Produktion von Brig Huezo, koproduziert von tanzhaus nrw und TanzFaktur Köln.
Gefördert durch den Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste und das NRW KULTURsekretariat mit Mitteln des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf.