COC 1/6

The Choreography of Care (1/6)

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Ich halte mich selbst nicht für eine besonders fürsorgliche oder sorgende Person. Ich mache mich deswegen schon ziemlich fertig, aber ich habe gemerkt, dass es eigentlich mehr darum ging, was ich lediglich dachte, wofür das Wort steht. Mit den Jahren, und durch die Begegnungen mit Menschen, habe ich das Wort ‚behindert‘ neu gedacht, genau wie die Bedeutungen von Crip, Frau, queer…

Alle diese Worte, deren Bedeutungen sich mit der Zeit für mich so gewandelt haben. Ich fing an zu verstehen, dass ich Care schlicht nicht so offenbare oder zeige, nicht in der Weise, wie ich sie empfange oder, um genauer zu sein, wie ich sie wahrnehme. Als Person mit Behinderungen ist dieses Wort – Care (Sorge oder Fürsorge) – kein unkomplizierter Begriff, auf den ich mich ohne Weiteres einlassen kann; es birgt eine Menge Konnotationen, eine ganze Menge problematischen Ballast. Es ist so, als ob Sorge, Fürsorge, früher mal etwas war, was man Menschen mit Behinderungen angetan hat (oder eben, in vielen Fällen nicht einmal das), aber ich fange an zu glauben, dass es ein Teil des Wissenskanons bestimmter Gemeinschaften ist. Diejenigen, die die Subjekte (oder Opfer) von etwas sind, werden häufig wirkliche Expert*innen auf dem Gebiet. Ich glaube, für mich selbst kam das daher, dass ich in einem Körper aufgewachsen bin, der vorsichtig sein musste. Das hat buchstäblich dazu geführt, dass ich Zerbrechlichkeit und Risiko verstanden habe. Ich musste meiner Umgebung gegenüber aufmerksam sein und darauf achten, wie ich mich in ihr bewegte, und daraus erwuchs eine sich entwickelnde Fürsorge, sogar Liebe, zu meinen Krücken, als wir begannen, gemeinsam zu tanzen, als dieses vierfüßige Wesen. Und als ich anfing, Performance zu machen, bedeutete der Wunsch, behinderte Menschen zu priorisieren, dass sie sich willkommen fühlten, dass ich genauso viel Fürsorge in die Welt der Arbeit steckte, wie ich es mit jedem Auftreten meiner eigenen Krücke tue.

Claire Cunningham

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Design als Care

Zeit as Care

Kommunikation as Care

Performance als Care

Die Komplexität von Care

The Choreography of Care

„Ich finde es großartig, dass es uns gelungen ist, diese sich überschneidenden Schichten der “Care“ heraus zu kitzeln. Zum einen gibt es diese Unsichtbarkeit, die der Selbst- und Fürsorge anhaftet, die meiner Gestaltungstätigkeit auch unterliegt. Durch eine Performance ziehen sich diese Stränge von Mikro-Entscheidungen; die Anordnung aller Dinge auf der Bühne, wie hoch die Stufen werden sollen, was kennzeichnen wir. Es braucht aktives Zuhören, und es gibt immer Überarbeitungen. Das sind die Erscheinungsformen einer verborgenen ethischen Architektur. Einer Performance wohnt die Möglichkeit inne, ein Vorschlag für eine Welt zu sein, in der die Details unserer Körper und gelebter Erfahrungen ernst genommen wurden… und auch spielerisch vorkommen!“
„Die Idee hinter dem Begriff Care (die Sorge für sich und andere) scheint mir zu sein, dass es sich häufig um Handlungen dreht, die man an Menschen mit Behinderungen oder für Menschen mit Behinderungen vornimmt, aber man versteht das nicht als etwas Aktives oder als etwas, in dem Menschen über Kontrolle oder Gestaltungsmacht verfügen. Ich empfinde das so, dass das Wort eine Vorgeschichte mitbringt und daher eine passive Handlung beschreibt, den Menschen widerfährt das, sie empfangen Fürsorge nur. Das war der Grund, warum es für mich schwierig war, mich auf dieses Wort überhaupt einzulassen, aber nach und nach wurde mir klar, dass ich das bereits ziemlich offensichtlich in meinen Arbeiten thematisiert habe.“
„Immer wieder haben wir in den vergangenen Jahren darüber gesprochen, dass Menschen nicht wollen, dass einfach etwas mit ihnen gemacht wird – wir sprachen darüber, dass Selbst- und Fürsorge kein Gegenstand oder Instrument ist, sondern ein Vorgang, darüber, dass sie relational ist und auf Gegenseitigkeit beruht […] und dann muss ich daran denken, welche Praktiken in und um die Erarbeitung deiner Performances eingeführt wurden; die Sorge in dem Werk selbst; die Welten, die wir erschaffen, gemeinsam mit den Menschen, die in diese Welten eintreten, seien es Performer*innen, Zuschauer*innen, andere Arbeitspartner*innen …“

Was bedeutet Care für dich?

In den letzten Jahren haben wir im Team von Claire Cunningham Projects immer häufiger darüber gesprochen, wie sich Care (die Sorge für sich und andere) in unseren Tätigkeiten zeigt, aber auch in der Arbeit unserer Kolleg*innen, bei anderen Künstler*innen, die wir bewundern, und im Rest der Welt. Nach der letzten Produktion – Thank You Very Much – und einer Reihe intensiver Gespräche zwischen dem Ensemble, dem Team und Julia Watts Belser hat Claire angefangen, einige klare Rahmensetzungen zum Denken über Care in der jeweiligen Tätigkeit zu entwickeln: Die Choreografie von Care | Design als Care | Zeit als Care | Kommunikation als Care | Performance als Care | Die Komplexität von Care.

Aus dem Wunsch heraus, diese Fragen mit dem Team des tanzhaus nrw weiter zu vertiefen, und um das Ende von Claires Factory Artist Residency zu markieren, kam die Entscheidung, dass wir ein Symposium zum Thema The Choreography of Care veranstalten und kuratieren wollten. Wir haben eine Gruppe von Gastkünstler*innen eingeladen, auch Aktivist*innen und solche, die etwas verändern, deren Werk in Verbindung zu einer Gesinnung von Care steht. Wir haben sie eingeladen, damit sie mit uns ihre Sicht darauf teilen, wie Care ihre Tätigkeiten und dessen Einflüsse draußen in der Welt durch ihr Werk formt.

Das Symposium wird im März 2022 stattfinden, und zwischen jetzt und diesem Datum möchten wir Ihnen gerne alle teilnehmenden Künstler*innen vorstellen und Ihnen ein Gefühl dafür geben, wer sie sind, was sie machen, und gleichzeitig ihre ersten Gedanken über Care, zusammen mit unseren, teilen, und zwar über diese Publikationsreihe in limitierter Auflage.

Zwischen November 2021 und Februar 2022 werden Sie sechs Ausgaben der Publikationsreihe – als ein Geschenk von uns - per Post erreichen, mit Angeboten aller eingeladenen Künstler*innen und dem kuratierenden Team.

Wir hoffen, dass Ihnen gefällt, was sich da entfaltet, und dass Sie sich uns, nachdem wir unsere ersten Gespräche und diese Zusammenkunft mit Ihnen teilen, auf die eine oder andere Art und Weise bei The Choreography of Care im Jahr 2022 anschließen.

Claire, Luke und Bethany

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Thema

The Choreography of Care

Claire Cunningham, Bethany Wells und Luke Pell