Adultismus und kritisches Erwachsensein
Adultismus Workshop
Um das zu üben, haben wir eine Workshopreihe in Zusammenarbeit mit Pauri Röwert und Katrin Maiwald von der Initiative Theater & Adultismus gestartet. In einem Empowerment-Workshop haben Jungendliche Künstler*innen des jungen tanzhaus nrw ´s gemeinsam herausgefunden, wo und wie sie Adultismus erleben und welche Unterstützung sie brauchen, um am tanzhaus nrw selbstständig künstlerisch arbeiten zu können. Gleichzeitig haben sich Lehrer*innen, Tanzvermittler*innen und unser Team in eigenen Sensibilisierung-Workshops gefragt, wie sie ihre Arbeitsweise und Arbeitsprozesse ändern müssen, damit echte Mitbestimmung möglich wird und wie junge Menschen am tanzhaus nrw sichtbarer werden können. Unser Ziel ist eine Zusammenarbeit, in der alle Beteiligten als Expert*innen ernst genommen werden – egal wie alt sie sind.
Pauri und Katrin, wie kann ein Arbeitsalltag am jungen tanzhaus nrw konkret aussehen, in dem junge Menschen und Erwachsene wirklich auf Augenhöhe tanzen und entscheiden – und was müssen wir Erwachsenen tun, um unsere Macht dabei sinnvoll abzugeben?
Pauri: Ich denke, es beginnt damit, dass ihr euch als Team immer wieder ehrlich fragt, welche Macht ihr als erwachsene Personen in den unterschiedlichen Bereichen des jungen tanzhaus nrw ´s habt – strukturell, finanziell, künstlerisch – und wie ihr sie konkret mit Kindern und Jugendlichen teilen könnt. Unsere gemeinsame Auseinandersetzung in den Workshops war ein Anfang, aber entscheidend ist, dass ihr das Thema dauerhaft im Alltag verankert: Wer trifft welche Entscheidung? Wer hat Zugriff auf welche Ressourcen? Wer spricht – und wessen Stimme wird gehört? Die Entwicklung einer adultismuskritischen Haltung bedeutet für uns, Kinder und Jugendliche – genauso wie Erwachsene – als Individuen zu sehen und mit ihren ganz unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Kompetenzen ernst zu nehmen. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag extrem viel Fremdbestimmung erleben – durch Stundenpläne, Leistungsdruck und institutionelle Regeln. Deshalb finde ich die Frage spannend, wie sich der Raum im tanzhaus nrw davon unterscheiden kann: Können Freiräume geschaffen werden, die anders oder widerständiger funktionieren und von jungen Menschen selbst gestaltet werden? Wie können Erwachsene zu Kompliz*innen werden und Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Leerstellen nach ihren Interessen zu füllen? Für uns Erwachsene heißt das ganz konkret, die eigenen Zuschreibungen und erlernten Rollenbilder zu hinterfragen. Und es heißt auch, Kontrolle und Verantwortung an junge Menschen abzugeben, sich auf neue Themen, Ästhetiken und Arbeitsweisen einzulassen und gemeinsam zu experimentieren, statt allein Ergebnisse zu steuern.
Katrin: Ich denke, mit der Haltung, die du beschreibst, Pauri, lassen sich in alle Prozesse und Projektstrukturen am tanzhaus nrw, in die junge Menschen involviert sind, relativ leicht direkt ein paar Handlungsansätze integrieren. Ein großer Wunsch einiger Jugendlicher im Empowermentworkshop: Neben Proben oder Tanzstunden genügend Zeit einzuplanen, um auch gemeinsam Freizeit zu verbringen. Ausflüge für’s Teambuilding, gemeinsam Kochen in der Pause, Spiele spielen, genügend Pausenzeit wurden als Möglichkeiten genannt. Dann gab es die Idee, allen jungen Menschen regelmäßig Führungen hinter die Kulissen, auf die Bühne etc. anzubieten und für die bessere Zugänglichkeit auch eine virtuelle Führung durch das tanzhaus nrw online zu stellen. So ein Video ließe sich vielleicht auch gemeinsam mit jungen Menschen drehen... Sehr wirkungsvoll, aber manchmal gar nicht so leicht, konsequent in die eigenen Routinen einzubauen, ist aus meiner Sicht, absolute Transparenz in geplante Abläufe und Entscheidungsprozesse zu ermöglichen. Das bedeutet immer zu sagen und offen zu legen, was ich als erwachsene Person schon strukturiert habe und entscheiden werde und wie und an welcher Stelle echte Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für die jungen Menschen liegen. Und dann: Feedback und Kritik von Kindern und Jugendlichen an Erwachsene einen Rahmen geben, regelmäßig einholen und diese Feedbackräume als ganz wichtiges Tool des gemeinsamen Kunstschaffens zu kultivieren.
Pauri: Das sehe ich auch so. Ich denke, dass ein Arbeitsalltag auf Augenhöhe nur dann entstehen kann, wenn junge Menschen fest in Entscheidungsprozesse am Haus eingebunden werden. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel die Gründung eines festen Gremiums oder Beirats aus jungen Menschen, der verbindlich in Programm- und Konzeptionsphasen involviert wird und zum Beispiel
über Festivalthemen und die Ausrichtung partizipativer Projekte mitentscheidet. Dabei ist es wichtig, nicht nur Verantwortung abzugeben, sondern auch Zugang zu weiteren Ressourcen wie Budgets zu ermöglichen. Wenn junge Menschen selbst entscheiden können, wofür Geld ausgegeben wird, welche Künstler*innen eingeladen werden oder welches Format ausprobiert wird – dann verschiebt sich Macht ganz real und bestehende Hierarchien werden in Frage gestellt. Warum sollten nicht auch Kinder und Jugendliche selbst in eine anleitende Funktion treten? Eine Idee der Jugendkompanie ist es zum Beispiel, Kinder und Jugendliche im tanzhaus nrw einzuladen, Tanzworkshops anzuleiten und ihren Lieblingstanzstil an junge und erwachsene Menschen weiterzugeben.
Katrin: Wow, das ist eine tolle Idee! Bin gespannt, ob es sich bald in die Tat umsetzen lässt. Final würde ich noch mal betonen, was ja auch im Workshop mit den Jugendlichen aufkam: Das tanzhaus nrw kann und darf seine Sichtbarkeit öffentlichkeitswirksam weiter nutzen, um wie hier auf dieser Seite kontinuierlich auf die Rechte von jungen Menschen aufmerksam zu machen! In diesem Sinne lassen wir nun die jungen Menschen selbst sprechen und wünschen viel Freude mit dem weiterführenden Material und Links!
Austausch der Jugendlichen über den Workshop
Was können wir gegen Adultismus tun?
- Kinder aufklären, z.B. über deren Rechte
- Kindern und Jugendlichen mehr zutrauen
- hinterfragen
- auf unser Handeln achten
- zuhören
- Workshops für Lehrer*innen/ Eltern anbieten
- auf das Problem aufmerksam machen und uns dagegenstellen
- Adultismus bekannt machen (z.B. über Social Media)
- unser Wissen teilen
- Zusammenarbeit zwischen Kindern und Erwachsenen, ohne dass die Erwachsenen ihre Macht ausnutzen
Die Liste ist im Rahmen des Empowerment-Workshops im November 2025 entstanden.
Wo können wir uns weiter informieren?
UNICEF: Infos und weiteres Material zu Kinderrechten. Online unter: https://www.unicef.de/informieren/einsatz-fuer-kinderrechte
Schwarz, Simbi (2021): Hä, was heißt denn Adultismus?. In: Missy Magazine 04/21. Online unter: https://missy-magazine.de/blog/2021/07/12/hae-was-heisst-denn-adultismu…
Naiv-Kollektiv: Was ist Adultismus? Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=iITfj-kpnOQ
Broschüre: How to deal with us! Wie Erwachsene mit uns umgehen sollen. Online unter: https://www.gripswerke.de/wp-content/uploads/2023/05/How-To-Deal-with-u…
Podcast: Machtspiele im Theater – Ein Podcast zu adultismuskritischer Praxis. Online unter: https://www.kubi-online.de/artikel/machtspiele-theater-podcast-adultism…
Initiative Theater & Adultismus. Online unter: https://initiative-theater-adultismus.de/index.html