Immersive Choreografien
Ob vor oder zwischen dem Bühnenprogramm – besucht während des Festivals TEMPS D‘IMAGES auch die Ausstellung im Foyer.
Mit Arbeiten von Anna Näsström & Johan Bandholtz, Bart Hess, Dominik Geis, Laurenz Ulrich x MIREVI, Charlotte Triebus, Norbert Pape, Tore Knabe, Uroš Krčadinac & Marko Milić x MIREVI.
In Kooperation mit dem Moovy Tanzfilmfestival.
Anna Näsström und Johan Bandholtz: [ E S C ] ONGOING REALITIES (OR)
[ e s c ] untersucht Eskapismus als Konzept und Geisteszustand. Inspiriert von der Logik von Algorithmen und sozialen Medien entstand eine choreografische Recherche, die sich mit digitalen Fluchtmechanismen auseinandersetzt. Die Arbeit besteht aus fünf Modulen und eröffnet einen kritischen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen virtuellen Realitäten und menschlichem Verhalten. Das Publikum interagiert mit den Kunstwerken, indem es sein Smartphone und die App Artivive verwendet.
Konzept & Choreografie: Anna Näsström und Johan Bandholtz; Bildproduktion (Stills): A EYE (Vytis Gruzdys und Rapolas Vosylius); AR und Bildanimationen: Yuvia Maini; Animiertes Videomaterial: dr_formalyst; Musik: Rosanna Gunnarsson & Yared Tilahun Cederlund.
Bart Hess: Wave VR
Wave ist ein psychedelischer, immersiver Tanzfilm, in dem der Körper des Tänzers durch Wiederholung, Verzögerung und Verschiebung von Bildsequenzen manipuliert wird. So entsteht eine Choreografie, in der die Geschichte jeder Bewegung ein neues, organisches Gebilde formt. Eine Gruppenchoreografie, solo getanzt – jede Bewegung verändert die Gesamt-Silhouette. Mithilfe von 360°-3D und VR wird der Film zu einer Erfahrung, bei der das Publikum nicht nur zuschaut, sondern Zeit und Perspektive steuern kann. Digitale Manipulationen erzeugen zusätzliche emotionale Dimensionen – von Klaustrophobie bis Euphorie.
Regie: Bart Hess, Choreografie: Sedrig Verwoert.
Gefördert durch: Nederlands Filmfonds & Stimuleringsfonds.
Dominik Geis: rhythm
3D Videoanimation, 16:9, HD, Sound, 20:10 Min. 2025
Im Zentrum von Dominik Geis' künstlerischer Praxis steht der Körper als Bühne und Spiegel sozialer, kultureller sowie medialer Einschreibungen. Die 3D-Videoanimation rhythm ist eine theatrale Inszenierung periodisch wiederkehrender Gesellschaftsmuster. Dabei erforscht Dominik Geis vor allem die Gesten und Rollenbilder des Männlichen; digital animierten Figuren werden spezifische Gesten und Bewegungen auferlegt, die diese Rollenbilder reflektieren. Der Körper wird zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Ein digitaler Bühnenraum bildet den Rahmen der Inszenierung, im Bühnenbild aus Fernsehern und Projektionen erscheinen Found-Footage-Collagen. Innerhalb dieses Raumes bewegen sich animierte Figuren, wodurch eine Simultanbühne entsteht, die visuelle und performative Ebenen verbindet. Eine kontinuierliche Kamerafahrt durch die Szenerie erzeugt das Video und schafft eine fließende Erzählung aus dem Zusammenspiel von Bild und Klang. Die eigens für die Arbeit komponierte Musik dient als Grundlage der choreografischen Dynamik. Treibende Rhythmen, verzerrte Sounds und atmosphärische Klänge treten in wechselnden und wiederkehrenden Überlagerungen auf und entwickeln sich zu einer sich stetig steigernden Klanglandschaft. (Juliane Hoffmanns, Kunsthalle Düsseldorf)
Dominik Geis wurde 2025 mit dem Förderpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf in der Sparte Bildende Kunst ausgezeichnet.
Laurenz Ulrich x MIREVI, Charlotte Triebus: ONEIRONAUTICA II
Die immersive 3D-Installation nimmt die Besucher*innen mit auf einen digitalen Trip in sich geheimnisvoll auflösende Räume, deren Modell ein Theatersaal ist. Wie in einem luziden Traum bewegt man sich durch eine Punktwolke des Gebäudes, begegnet geisterhaften Figuren auf der Bühne, hört Stimmen vergangener Vorstellungen und wird sich der Flüchtigkeit von Sinneserfahrungen bewusst. Das für die Arbeit entwickelte Tanzstück befasst sich mit Logik und Kontrolle, mit verzerrten und verzerrenden luziden Träumen und toxisch-transformativen Abhängigkeiten. Die Hintergrunderzählung zeigt Auszüge aus dem Theaterstück Vom Licht von Anselm Neft.
Konzept & Entwicklung: Laurenz Ulrich x MIREVI, Choreografie: Charlotte Triebus.
Eine Produktion von MIREVI (HSD) im Rahmen des Forschungsprojekts „Theater der erweiterten Realitäten“. Projektpartner: Theater an der Ruhr und Akademie für Theater und Digitalität. Förderer: Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen von NEUE WEGE in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat.
Norbert Pape: Turbulence
Die Arbeit dauert ca. 25 Minuten, läuft im Loop und entfaltet sich in der Überlagerung von Video und XR.
Wenn die Dinge weiterhin auseinanderfallen, und zwar richtig auseinanderfallen, dann frage ich mich, wie die Kinder der Kinder unserer Kinder wissen sollen, wie es sich angefühlt hat, als die Dinge noch nicht auseinander waren. Was würden Bilder für sie bedeuten, wenn sie noch nie an einem Strand gestanden und die Wellen an ihren Füßen gespürt hätten? Was nützen bewegte Bilder, wenn diese Bilder nur auf sich selbst Bezug zu nehmen scheinen?
Also machten wir uns daran, die Welt nicht nur als aufblitzende Augenblicke zu erfassen, sondern als in Code übersetzte Beziehungen, die vielleicht eines Tages in Echtzeit reaktiviert werden könnten.“
Wolken, Wellen, Wind, Nebel und Rauch und andere Formen von Turbulenzen spielen nicht nur in dieser Arbeit eine entscheidende Rolle, sondern auch grundsätzlich in immersiven Kunstformen wie Anime und Videospielen. Obwohl sie meist periphere Wahrnehmungsphänomene bleiben, sind sie unentbehrliche Vehikel, die uns den Weg in imaginäre Welten ermöglichen. Künstler*innen haben eine Vielzahl von Möglichkeiten entwickelt, um sie zu simulieren, stützen sich auf neueste Entwicklungen in Technologie und Wissenschaft, und treiben sie dabei auch voran. Obwohl sie oft auf wissenschaftlichen Modellen basieren, geht es ihnen allerdings nur um die Illusion, um das Gleichgewicht zwischen Präzision und Rechenzeit, um gerade so viel zu tun, dass in fremden Welten vertraute Empfindungen hervorgerufen werden.
Von: Norbert Pape, Ton und Musik: Franziska Aigner, Text: Ben Woodard, Stimmen (in der Reihenfolge ihres Auftretens): Norbert Pape, Göksu Kunak, Ben Woodard, Kyra Kaisla, Pêdra Costa, Spirituelle Begleitung: Pêdra Costa, Technische Entwicklung: Norbert Pape, Simon Speiser, SFX- und XR-Implementierung: Norbert Pape.
Mit Unterstützung von Beyond Gravity / Theater im Depot Dortmund und dem Moovy Tanzfilm Festival. Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Programms Neue Künste Ruhr.
Tore Knabe: THE REVERSE TURING TEST
Bist du in der Lage, die KI zu täuschen? Wie leicht oder schwer fällt es uns Menschen heutzutage, mit den Fähigkeiten moderner KIs mitzuhalten, wenn es darum geht, spontan eine kurze Antwort in der Rolle einer bekannten historischen Persönlichkeit zu geben? Das Reverse Turing Experiment gibt die Möglichkeit, sich selbst zu testen, mit anderen Spielern in einer Fähigkeit zu vergleichen, und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie nah uns KIs heute schon gekommen sind und wo sie vielleicht sogar schon weitergezogen sind.
The Reverse Turing Test ist eine interaktive Virtual-Reality-Installation, welche die Grenzen zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz auslotet und grundlegende Fragen über die menschliche Natur und die Realität in einer zunehmend digitalisierten Welt aufwirft. In einer Zeit, in der KI-Systeme und virtuelle Menschen immer ausgefeilter werden, fordert die Installation die Teilnehmer auf, ihre Vorstellungen von Authentizität, Identität und menschlichem Verhalten zu hinterfragen.
Konzept & Entwicklung: Tore Knabe.
Uroš Krčadinac & Marko Milić x MIREVI: Gaitless
Partizipative KI-Installation
Gaitless ist ein interaktiver Tanzraum, der Anti-Überwachungs- und Anti-KI-Taktiken als choreografische Konzepte erforscht.
Die Idee entstand aus einer kuriosen Nachricht: Eine Gruppe von Bankräuber*innen soll KI-gestützte Überwachungskameras überlistet haben, indem sie rollten statt zu gehen – und so Bewegungserkennungssysteme umgingen, die darauf trainiert waren, den menschlichen Gang zu erkennen. Es war ein subversiver Akt der Flucht, aber auch, auf unerwartete Weise, eine Tanzperformance. Die Räuber*innen waren zufällige Tänzer*innen. Ihre improvisierten Bewegungen deckten die Schwächen der KI-Wahrnehmung auf.
Das Paradoxe an Gaitless ist, dass die Teilnehmer*innen, indem sie beweisen, dass sie in den Augen der KI keine Menschen sind, beweisen, dass sie tatsächlich Menschen sind – sonderbar und kreativ.
Ausgehend von historischen Vorläufern wie der Dazzle-Tarnung aus dem Ersten Weltkrieg, Adam Harveys "CV Dazzle" und dem vorherigen Projekt „Tactical Poetics” der Autoren – sowie den Ausweichtaktiken serbischer Anti-Osmanischer Gesetzloser und jugoslawischer antifaschistischer Partisanen – setzt Gaitless die Tradition einer Ästhetik fort, die aus Strategie und Taktik entstanden ist.
Konzept und Regie: Uroš Krčadinac & Marko Milić × MIREVI; Kreative Entwicklung und Unterstützung: Ivana Družetić-Vogel, Patrick Kruse, Ben Fischer; Multimedia-Softwareentwicklung: Ben Fischer; Musik: Kӣr.
Entstanden im Rahmen des MODINA-Projekts. MODINA wird vom Programm „Kreatives Europa” der Europäischen Union kofinanziert.