Arbeit am Unerwarteten
Eine Residenz kann für Künstler*innen vieles sein: ein Ort zum Arbeiten, eine Zeit der Konzentration, ein gewisses Maß an Freiheit, um sich der eigenen Kunst zu widmen. Künstler*innen reisen an andere Orte und finden dort Inspiration. Gleichzeitig repräsentieren sie anderswo ihren Herkunftsort. Hinter dieser Konzeption der Residenz steht ein bestimmtes Bild von Künstler*innen und ihrer Kunst. Dieses Bild wollen wir mit Blick auf Residenzen am Theater hinterfragen.
Wie werden die Ergebnisse der Residenzarbeit sichtbar, wenn nicht für eine Aufführung geprobt, sondern eine künstlerische Recherche betrieben wird? Wie kann die Residenz am Theater Begegnungen initiieren, die für unsere Kunstpraxis unerlässlich sind? Zur Eröffnung der zweitägigen Zusammenkunft WE ARE AT WORK diskutieren wir, wie Residenzen gestaltet sein müssen, damit Künstler*innen sie zu ihrem Ort und ihrer Zeit machen können.
Beim Eröffnungspanel sprechen:
Steffen Klewar (Fonds Darstellende Künste)
Stefan Hilterhaus (künstlerischer Leiter von PACT Zollverein in Essen)
Chiara Marcassa (künstlerische Co-Leiterin des Festivals IMPLANTIEREN 2022/23 und der Residenz Come-As-You-Are)
Tümay Kılınçel (Künstlerin, Residentin)
Siegmar Zacharias, transdisziplinäre Künstlerin, Aktivistin, Forscherin und Death Doula, hostet das Gespräch.
Sprache: Deutsch, Englisch
Stefan Hilterhaus
Stefan Hilterhaus ist der Künstlerische Leiter und Ko-Geschäftsführer von PACT Zollverien, das er 2002 mitbegründete. Er entwickelte außerdem regionale Kulturkonzepte, arbeitete international als Kurator, Performer und Choreograf und ist Initiator und Akteur verschiedener nationaler und internationaler Netzwerke und Gremien. Neben der internationalen Bühne für zeitgenössische Kunst, entstehen bei PACT regelmäßig Austauschformate zwischen Wissensformen und Praxen, Kulturen und Disziplinen. Ein umfangreiches Residenzprogramm ist ebenso substantieller Bestandteil wie eine langfristige Zusammenarbeit im umliegenden Stadtraum.
Steffen Klewar
Steffen Klewar studierte Schauspiel an der Universität der Künste Berlin, zuvor u.a. Komparatistik und Theaterwissenschaft in Bochum und Darmstadt, und absolvierte die Weiterbildung der LMU München für Theater- und Orchestermanagement. Er war Mitbegründer des Theaterkollektivs copy & waste, dessen künstlerischer Leiter, Regisseur und Geschäftsführer. 2018 erhielt das Kollektiv den Tabori-Preis des Fonds Darstellende Künste. Als freier Regisseur inszenierte er an Stadt- und Staatstheatern wie u.a. dem Schauspiel Leipzig, Staatstheater Darmstadt oder Theater Oberhausen und mit copy & waste an freien (Produktions-)Häusern und Festivals wie dem HAU Berlin, Ballhaus Ost, TD Berlin, Ringlokschuppen Ruhr, steirischer Herbst Graz sowie in „Nicht-Theater-Räumen“ wie Clubs, Plattenbauten, Weinbergen und Wohnzimmern. Seine Produktionen wurden im gesamten deutschsprachigen Raum gezeigt. Er hatte zahlreiche Lehraufträge u.a. an der HMT Rostock, HMT Leipzig, UdK Berlin und arbeitet als Berater für Einrichtungen und Personen in Kunst und Kultur. Seit 2020 ist er Programmleiter beim Fonds Darstellende Künste.
Tümay Kılınçel
Tümay Kılınçel absolvierte den Pilot-Studiengang Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreographie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz der Universität der Künste Berlin und schloss den Master in Choreographie & Performance in Giessen ab. Seit 2010 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Frankfurt am Main, Düsseldorf und Berlin. Als Jugendliche sammelte sie erste Bühnenerfahrungen am FFT mit dem Choreografen Ives Thuwis. Mit dem Solo „Tümay Show – Suizidgefahr“ und der Performance-Installation „Mein Haar“ realisierte sie eigene Arbeiten in Berlin. 2011 war sie danceweb-Stipendiatin für Impulstanz Wien. Sie performte in „Romantic Afternoon“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz. Seit 2014 tourt sie mit ihrer Produktion „Dance Box“, die im Freischwimmer-Festival entstand und u.a. 2015 am FFT zu sehen war.
In ihren Arbeiten befasst sie sich mit Machtverhältnissen, wie z.B. Empowerment-Strategien. Projektauswahl: Fachtag zu Tanz und Rassismus: „The Other Body“ (Schillertheater Berlin, 2020); „Dansöz“ (Koproduktion mit HAU, FFT, Mousonturm, Treibstoff Basel; 2019); Flausen Residenz (Theater im Ballsaal Bonn, 2018).
Chiara Marcassa
Chiara Marcassa ist Autorin, Dramaturgin und Kostümbildnerin aus Treviso, Italien. 2024 veröffentlicht windpark books ihr Buch Stressed/Desserts, das mit einer performativen Lesung im Roten Salon der Volksbühne Berlin und auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Das Projekt wurde gemeinsam mit Olga Hohmann realisiert und thematisiert „Wege, Weisen und Wehen der weiblichen* Arbeit“ in einer Novelle. 2022-2023 war sie künstlerische Ko-Leiterin und Kuratorin des IMPLANTIEREN Festivals. Sie arbeitet und träumt in vier Sprachen (Deutsch, Italienisch, Englisch und Russisch) und lebt in Offenbach am Main.
Siegmar Zacharias
Siegmar Zacharias (host) ist eine transdisziplinäre Künstlerin, Aktivistin, Forscherin und death doula. Sie lernt alte Pflanzenmedizin. Sie entwickelt queer-feministische kollektive Praktiken der Transformation als Training für unbekannte Zukünfte in Kunst, radikaler Pädagogik und sozialer Gerechtigkeit. Siegmar kollaborierte mit unkontrollierbaren Materialien wie Rauch, Schleim sowie dem menschlichen Nervensystem. Sie erforscht Klang als materielle Kraft der Vibration, die Menschen und mehr als menschliches Dasein verbindet. Während der Pandemie entstand die Serie von online Listening Sessions WAVES – Listening Towards Social Bodies als kollektive Trauerarbeit und Ermöglichung von Berührung.
Unter dem Titel Training for Political Imaginaries organisiert sie Lern- und Austauschplattformen mit intersektionalen Künstler*innen, Aktivist*innen und Vordenker*innen. Weitere Arbeiten sind: Drooling Lecture Series, Slime Dynamics, The Cloud: a cosmo-choreography made by animals, vegetables, minerals, humans, concepts and emotions., Invasive Hospitality. 2018 erhielt sie ein TECHNE scholarship for excellency and innovative research, um ihrem künstlerischen Promotionsvorhaben Practicing Futures While Grieving nachzugehen. Sie lehrt an mehreren Universitäten im In- und Ausland. Siegmar Zacharias ist in Rumänien geboren und lebt in Berlin.